Bei der Darstellung von Religionsgemeinschaften wird von Seiten der Öffentlichkeit immer wieder vor 'guruistischen' Strukturen gewarnt. 'Gurus' erheben absolute Machtansprüche, proklamierten ihre Unfehlbarkeit und hätten viel Spielraum, ihre Anhänger seelisch, psychisch und physisch auszubeuten.
Dies entspricht in vielen Fällen der Wahrheit, denn wir können überall in der Gesellschaft beobachten, dass Machtinhaber ihre Stellungen missbrauchen, ob es sich um Großkapitalisten, geistliche Amtsinhaber, Lehrer, Mitglieder der Regierungen oder Erziehungsberechtigte aller Art handelt; überall gibt es genug über Verfehlungen zu berichten. Die Zeitungen sind übervoll mit Meldungen diesbezüglich.
Wie steht die ISKCON zu diesem Phänomen? Welche Aufgabe kommt den spirituellen Meistern (Gurus) in ISKCON zu? Ist ihr Wirkungskreis unumschränkt und absolut oder gibt es Grenzen? Wenn es Grenzen gibt, dann möchten wir wissen, wie die Grenzen kontrolliert werden?
Dieser Beitrag kann hier nur eine allgemeine Richtung andeuten, nicht aber jedes Detail umfassend beleuchten. Jedoch steht der Verfasser zu dem Gesamtergebnis, das hier umrissen wird.
Wer sind spirituelle Meister (Gurus)?
Zunächst ist auszuführen, dass die vedische Tradition eine Fülle von verschiedenen Gurufunktionen kennt. Wichtige Beispiele sind die Eltern, Staatsführer, Schullehrer und spirituelle Lehrer. Von all diesen Personen wird erwartet, dass sie die Grundregeln zivilisierten Verhaltens einhalten und den ihnen anvertrauten Menschen auf dem Weg durchs Leben effektiv helfen. Die Veden betonen dabei, dass all diese Gurus besonders die Befreiung der Schutzbefohlenen aus der materiellen Knechtschaft im Auge haben sollen. Ihre Rede und ihr Beispiel sollen die Menschen dazu animieren, ein Leben hingebungsvollen Dienens und der Loslösung zu führen. Die vedischen Staatsführer beispielsweise gaben in der Regel ihr Amt auf, bevor sie alt wurden, und zogen sich an heilige Orte zurück, wo sie fern von Prunk und Ablenkung sich der Meditation widmeten. Sie zeigten damit der Allgemeinheit die Wichtigkeit der Vorbereitung auf das Jenseits auf. Der Unterricht an Schulen war nicht dazu da, den wirtschaftlichen Bedarf an Arbeitskräften zu sichern, sondern um den Menschen den Weg der Selbstverwirklichung zu weisen.
Schon an dieser Stelle sehen wir, dass von vedischen Gurus eine Haltung innerer Entsagung erwartet wird. Im Nektar der Unterweisung schreibt Rupa Gosvami, der oberste Lehrer (Guru) der Hare-Krishna-Tradition, der im 15. und 16. Jahrhundert lebte:
'vaco vegam manasah krodha-vegam
jihva-vegam udaropastha-vegam
etan vegan yo visaheta dhirah
sarvam apimam prithivim sa sisyat'
Übersetzung:
'Wer einen klaren Verstand besitzt und den Drang der Sprache, die Forderungen des Geistes, die Angriffe des Zornes und den Drang der Zunge, des Magens und der Geschlechtsteile zu beherrschen vermag, ist geeignet, auf der ganzen Welt Schüler anzunehmen.' (Nektar der Unterweisung, Erster Vers)
Das sind die Grundqualifikationen, die von spirituellen Meistern erwartet werden, wenn sie sich persönlich um Schüler kümmern wollen oder sollen. Dies ist auch der Grundstandard für die einweihenden spirituellen Meister der ISKCON. Die einweihenden spirituellen Meister der ISKCON haben die Aufgabe, Schüler in der vedischen Wissenschaft auszubilden und sie spirituell zu betreuen. Natürlich tuen sie das nicht alleine. Vielmehr findet die Ausbildung in der Gemeinschaft aller praktizierenden ISKCON-Angehörigen statt. Der Gemeinschaftsdynamik kommt insbesondere im vorherrschenden Zeitalter des Kali, das von Heuchelei und Streit geprägt ist, besondere Bedeutung zu. Shri Chaitanya, der goldene Avatara (1486 bis 1534), hat die Gemeinschaft der Gottgeweihten zum obersten spirituellen Prinzip für das Kali-Yuga erhoben. Gemeinschaftlich können wir effektiven Fortschritt machen und sind am besten vor Missbrauch geschützt, da einer den anderen im Auge hat. Inmitten der Gemeinschaft werden auch die führenden Mitglieder beobachtet, und Misstände können zur Sprache gebracht werden. Auch die einweihenden spirituellen Meisters sind Teil der Gemeinschaft der Gottgeweihten und müssen die Prinzipien, die sie predigen, in besonderer Weise leben.
Gerade im 19. und 20. Jahrhundert sind die Tendenzen des Kali-Yuga in besonderer Weise hervorgetreten. Die Menschen sind orientierungsloser denn je. Kriminalität nimmt unermesslich zu. Geld regiert die Welt, nicht spirituelle Prinzipien. Die wirtschaftlich Starken verführen die Bevölkerung in jeder Hinsicht und bestechen auch diejenigen, die eigentlich Gurus sein sollten. Daher haben besonders die drei letzten großen Hare-Krishna-Lehrer, Shrila Bhaktivinoda Thakur (1838 - 1914), Shrila Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakura (1874 - 1937) und Shrila Prabhupada (1896 - 1977) im Aufbau der weltweiten Mission das Gemeinschaftsprinzip, ausgehend von Shri Chaitanya (1486 - 1534), in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen gestellt. Die ISKCON wird daher nicht von einem Papst geleitet, sondern von einem Rat (Governing Body Commission, GBC), in welchem gleichberechtigte Mitglieder die weltweiten ISKCON-Aktivitäten überwachen. Sie sind dazu berufen, etwa auftretende Missstände auszumachen und zu beseitigen. Ihrer Aufsicht unterliegen nicht nur die Führer des Managements sondern auch die einweihenden spirituellen Meister. Shrila Prabhupada hat somit für die ISKCON Kontrollelemente eingeführt.
Daran stören sich manche Traditionalisten. Sie fragen, wie es sein kann, dass ein reiner Gottgeweihter von einem Rat kontrolliert werden kann. Dies verstoße gegen die Grundgesetze der vedischen Tradition. Dem ist jedoch nicht so. Der Pseudoguru, der sich gottgleiche Rechte anmaßt, ist eine moderne Schöpfung Kalis. Im vedischen System wurde natürlich von einem Guru ein bestimmter Standard erwartet. Er konnte nie tun, was er wollte. Vielmehr ordnet sich ein echter Guru gerne einem System unter, das dem Wohl der Allgemeinheit dient. Solch eine demütige Haltung ist gerade das wesentliche Merkmal einer spirituell fortgeschrittenen Persönlichkeit. Shrila Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakura gibt die Standardhaltung des Gurus in der Nachfolge Shri Chaitanyas anlässlich einer Guru-Verehrungszeremonie so wieder:
"Ich bin einer der größten Dummköpfe. Niemand gibt mir Ratschläge hinsichtlich meiner eigenen Unzulänglichkeiten. Weil niemand sich anschickt, mich zu unterweisen, habe ich mich direkt an Shri Chaitanya gewandt. ... Und Chaitanya sagt zu mir: 'Wen immer du triffst, spreche mit ihm über Krishna, sei ein Guru aufgrund meiner Anweisung! Befreie Dein Land! ...'"
Der echte Guru handelt also auf Geheiß einer echten Autorität, nicht aus eigenem Prestigedenken! Er fühlt sich nicht als etwas besonderes, sondern stellt sich als Werkzeug Gottes zur Verfügung. Er möchte, dass auch seine Schüler dies tun und freut sich, wenn diese erfolgreich, ja sogar erfolgreicher sind als er selbst. Der echte Guru denkt sogar, dass seine echten Schüler fortgeschrittener sind als er selbst und sie wiederum seine Gurus sind. Das ist idealerweise die Gurudynamik innerhalb der Gaudiya-Vaishnava-Tradition der ISKCON.
Shrila Prabhupadas Weitsicht und der seiner Vorgänger ist es zu verdanken, dass das ISKCON-Schiff nach dem Verscheiden von Shrila Prabhupada nicht unter gegangen ist. Die gewollte Gruppendynamik hat nach großen Anfangsturbulenzen doch noch eine Stabilisierung bewirkt. Einzelne haben versucht, die ISKCON zu übernehmen, sich Teile davon heraus zu schneiden, ihre Macht missbraucht usw. Sie wurden und werden korrigiert, und dadurch wird der Reinigungsprozess für alle fortgesetzt. So hat sich denn auch das Erscheinungsbild der ISKCON gewandelt. Von Anfang an sah man bei den Anhängern von Shrila Prabhupada ein großes Maß der Hingabe, jedoch bahnten sich noch während seiner Anwesenheit viele Egotrips an, eine Begleiterscheinung, die immer im Zusammenhang mit dem Auftreten großer spiritueller Persönlichkeiten sichtbar wird. Das führte zu großen Störungen und leider auch zu Kriminalität. Aufgrund des gemeinschaftlichen Festhaltens des Großteils der Bewegung an den Grundprinzipien und der damit verbundenen Reinigung erkennt man heute bereits einen viel stärkeren Gemeinschaftsgeist mit immer teamfähigeren Devotees. Die Devotees verstehen mehr und mehr, dass jeder ernsthafte Devotee auch Guru ist. Die Gurus unterscheiden sich lediglich aufgrund ihrer Funktionsweise. Manche akzeptieren als Schüler ihres Meisters aufgrund dessen Wunsch bereits weitere Schüler, während andere dies (noch) nicht tun.
Shrila Prabhupada sagte einmal auf die Frage, welche Qualität die Mitglieder der ISKCON hätten, alle Mitglieder seien reine Geweihte Krishnas. Wie ist dies zu verstehen? Die Aussage beruht auf dem Verständnis, dass derjenige, der einem absoluten Pfad folgt, bereits das Ziel anvisiert. Der Anfang ist bereits mit dem Ziel verbunden. Dies gilt natürlich nur solange, wie sich ein Kandidat nach Kräften bemüht, dem Pfad zu folgen. Solche Personen betrachtete Shrila Prabhupada als echte Nachfolger. Wer hingegen betrügt, der gehört nicht zur ISKCON im Verständnis von Shrila Prabhupada.
Wir treffen heute auf eine ISKCON mit einer nachvollziehbaren Struktur, in der Lehrer (Gurus) aus Pflichtgefühl das spirituelle Erbe weiter geben, sei es an ordensangehörige Schüler, die Gemeinde oder die Bevölkerung im allgemeinen. Ein weiteres Merkmal in diesem Zusammenhang ist, dass es sehr viele verschieden wirkende Gurus mit unterschiedlichsten Persönlichkeitsmerkmalen in ISKCON gibt, an die man sich halten kann. Diese Fülle gibt einem furchtvollen Kali-Jüngling die Gewissheit, dass da nicht einer den Allmächtigen spielen möchte. Die bewusst von Shrila Prabhupada installierte Vielfalt erzeugt eine Gemeinschaftsdynamik, in der sich auch Menschen wohlfühlen können, die eher skeptisch oder/und auf Pseudogurus reingefallen sind.
Euer Diener
Parivadi das